Wie die Diagnose einer „unheilbaren“ Krankheit mein Leben vor 2 Jahren für immer verändert hat und welche Erkenntnisse ich daraus gewonnen habe

von Julian am 21. August 2013

Ich blicke von meinem Computer auf und sehe 12 Kästen Mineralwasser und Apfelschorle vor mir. Die habe ich gerade zu mir nach Hause bestellt. Es ist einer der ersten Sommertage im Jahr 2011. Ich trinke bis zu 7 Liter Wasser am Tag und muss seit kurzem dreimal pro Nacht auf die Toilette. Alles ganz normal, denke ich mir, wo ich doch so viel Sport mache und es draußen immer wärmer wird.

Meine Mutter ist am Telefon.  Kurz bevor ich mich von ihr verabschiede erwähne ich, dass ich mir gerade erst 12 Kisten Wasser und Apfelschorle bestellt habe. Nach einer kurzen Stille meint meine Mutter ich solle mir in der Apotheke mal ein paar Teststreifen besorgen und meinen Blutzucker messen. Gesagt, getan. 15 Minuten später schaue ich auf den Teststreifen und sehe eine dunkelgrüne Farbe. Gelb = neutral. Grün bis dunkelgrün = erhöhter Zucker im Blut.

Obwohl ich mich okay fühle mache ich mich innerhalb derselben Stunde noch auf den Weg mich untersuchen zu lassen. Ich habe mir dazu zwei Adressen im Internet rausgesucht. Die Eine von einem Krankenhaus – die andere von einer Spezialklinik. Auf dem Weg zum Krankenhaus entscheide ich mich spontan doch in die Spezialklinik zu gehen. In der Spezialklinik angekommen warten etwa 20 Leute vor mir. Irgendetwas sagt mir, dass ich nicht warten sollte. Am Empfang ist niemand. Ich klopfe an eine Tür bis mir eine junge Assistenz Ärztin aufmacht. Ich sage ihr sofort, dass ich direkt dran kommen möchte. „Das ist leider nicht möglich“ sagt sie mir – dann erzähle ich ihr von meinem Testergebnis. „Okay, kommen Sie mal mit – ich mache hier echt eine große Ausnahme für Sie“ meint sie noch. Wenige Minuten später nimmt sie mir etwas Blut aus meinem linken Finger.

Ich warte und keine 3 Minuten später heißt es ich solle bitte mal ins Arzt-Zimmer kommen. Die Tür öffnet sich. 3 Assistenten und ein Arzt schauen mich an. Der Arzt fragt mich: „Herr Murrell, wie lange haben Sie schon Diabetes?“ – ich verstehe nicht ganz und meine: „Wie bitte? – Was meinen Sie da?“ – Der Arzt meint daraufhin: „Sie haben einen Blutzucker von 650. Sie können von Glück reden, dass Sie noch auf den Beinen stehen.“ – Ich kann es zuerst nicht ganz glauben… ich und Diabetes? Das hätte ich wirklich niemals gedacht. Ich habe mich immer gesund ernährt, viel Sport gemacht und jetzt das?! — Ich kam sofort an den Tropf. Nach und nach rief‘ ich alle mir Nahestehenden Menschen an… meine Familie und meine damalige Freundin. Heute erinnere ich mich noch wie geschockt meine Mutter damals war. Ich war es schließlich, der sie beruhigen musste.

Die darauffolgenden Wochen haben mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ich muss mich bis zu fünf Mal am Tag spritzen – genauso häufig etwa wie ich auch meinen Blutzucker messen muss. Insulin nennt sich das Hormon was meine Bauchspeicheldrüse nicht mehr ausreichend produziert. Ich gebe mir die größte Mühe zu akzeptieren, dass sich mein Leben gerade komplett geändert hat. Die Schwester fragt mich, ob sie das mit der Spritze noch für mich erledigen soll. Ich will es aber lieber von Anfang an selbst machen. Als ich mir das erste Mal die 6-mm Kanüle aus Teflon in den Bauch stecke merke ich auf einmal wie vergänglich dieses Leben auf der Erde ist. Gestern war ich noch unbesiegbar, kerngesund und unaufhaltsam – und heute? Eben nicht mehr ganz. Die darauffolgenden Wochen hatte ich großes Glück. Meine damalige Freundin war für mich da. Das werde ich ihr für mein Leben nicht vergessen – auch wenn ich mich ein Jahr später dann doch von ihr trennen musste.

Heute – 2 Jahre später – sehe ich meinen Diabetes nicht mehr wirklich als Handicap an. Ich gehe sehr offen mit meiner Krankheit um und ich verstecke nichts. Ich spritze mich immer und überall – ob Leute dabei zuschauen oder nicht ist mir dabei völlig egal. Es hat mich auch nicht davon abgehalten weiter selbständig zu sein, Frauen kennen zu lernen oder jeden erdenklichen Sport zu machen. Ich gehe wakeboarden, mache Krafttraining und lebe ein (fast) normales Leben. Wenn mich jemand fragt, was ich mache wenn ich mich gerade spritze, dann sage ich: „Ich hab‘ als kleines Kind zuviel Schokolade gegessen“ – und das obwohl mein Diabetes Typ eigentlich nichts mit zuviel Zucker Genuss zu tun hat.

Doch wie ist es mir gelungen so gut mit meiner Krankheit umzugehen während deshalb andere Menschen despressiv werden und sich selbst bemitleiden? Es gibt dafür aus meiner Sicht genau zwei Gründe. Zum einen habe ich relativ schnell akzeptiert, dass ich an der Situation nichts ändern kann und zum anderen habe ich mir seitdem ein paar sehr mächtige Gewohnheiten angeeignet. Zu meinen neuen Gewohnheiten gehört zB., dass ich jeden Tag mindestens eine Stunde Sport mache. Ich wache auf und so wie andere Leute ihre Zähne putzen mache ich eben meinen Sport. Zum anderen habe ich noch besser gelernt, meinen inneren Dialog zu kontrollieren.

Negative Dinge gibt es so gut wie gar nicht mehr in meinem Kopf. Wenn mich ein Gedanke nicht weiterbringt oder mich dabei lähmt zu handeln, dann sage ich meinem Gedanken den Kampf an. Ich sage dann zB. zu mir selbst: „Was willst du Gedanke X, raus mit dir – du hast in meinem Kopf nichts zu suchen!“ – Es gibt Tage da merke ich gar nicht, dass ich „anders“ bin als komplett gesunde Menschen. Ich sehe das hier so ähnlich wie mit dem Autofahren. Ich mache die Dinge heute aus Reflex. Meine Handgriffe bzgl. Spritzen und Blutzucker messen sind mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Außerdem weiß ich inzwischen genau wie mein Körper auf körperliche Anstrengung oder bestimmte Nahrungsmittel reagiert.

Letztendlich bin ich dankbar für meine Krankheit, hat sie mich doch so viel über das Leben gelehrt. Ich bin außerdem zutiefst dankbar für jeden Tag, an dem ich lebe. Und ich bin auch dankbar für ein paar neue Gewohnheiten, die mein Leben seit meiner Diagnose extrem bereichert haben.

 

{ 5 Kommentare… sie unten lesen oder einen hinzufügen }

Radek August 21, 2013 um 01:37

Sehr bewegende Geschichte Julian! Danke, dass Du das mit allen teilst und und mit einer neuen Sicht auf das Leben bereicherst! Es gibt leider viele Menschen die selbst ohne Krankheit dahinvegetieren und nichts aus ihrem Leben machen.

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Julian August 21, 2013 um 10:54

Hallo Radek, freut‘ mich auf diesem Weg von dir zu hören. Beste Grüße & bis bald, J.

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Elias August 21, 2013 um 13:50

Ich bedanke mich für deine Offenheit, die ich mir gerne als Vorbild nehme. Was ich ein wenig zu einfach dahergesagt finde, ist das Stichwort „unheilbar“. Ich finde die Theorie ganz passend, dass körperliche Symptome – welcher Natur auch immer – eine Sprache der Seele für ungelebte Dinge ist. Vielleicht ist das für dich und andere ein Anreiz, mehr in die Tiefe zu gehen und sich mit dem eigenen Selbst zu befassen:
http://www.lebeblog.de/koerper/warum-wird-mein-koerper-krank/

Alles Liebe,
Elias

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Julian August 21, 2013 um 21:08

Hallo Elias,

freut‘ mich wenn dir der Beitrag gefallen hat. Im Zusammenhang mit meiner Geschichte ging es mir erstmal nur darum zu zeigen, wie man konstruktiv mit einer Krankheit umgehen kann, nachdem sie bereits aufgetreten ist… im Fall Diabetes Typ 1 ist im Zusammenhang mit deiner Theorie folgende Frage noch interessant: „Wenn ein Baby mit Diabetes Typ I geboren wird, kommt dann die Sprache der Seele der Mutter hier indirekt zum Vorschein?“ — obwohl ich deinen Ansatz vom Prinzip her gut finde, wird es mir spätestens an dieser Stelle ein bischen zu „esoterisch“.

Alles Gute,

Julian

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Elias August 22, 2013 um 09:50

Esoterik hin oder her, eine Pflanze im Schatten hat auch wesentlich schwerere Lebensbedinugnen als eine Pflanze im Sonnenlicht. Ich denk schon, dass das Beet, in dem wir als Samen wachsen, einen wesentlich Einfluss auf uns hat – körperlich, geistig und seelisch.

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